
Jubiläum 2026
90 Jahre
Harald Mante
Ein Editorial zum 90. Geburtstag
Es gibt Fotografen, die Bilder machen. Und es gibt Harald Mante, der die Farbe in die deutsche Fotografie trägt – nicht als Effekt, sondern als Prinzip. Seit sechs Jahrzehnten richtet er seine Kamera auf das, was die meisten übersehen: die Geometrie einer Hauswand, das Zusammenspiel zweier Farben an einer Straßenecke, die stille Ordnung im scheinbar Zufälligen. Was dabei entsteht, ist keine Abbildung – es ist Komposition. Jedes Bild eine Entscheidung. Jede Farbe ein Argument.
Wer verstehen will, woher diese Bildsprache kommt, muss zurückgehen – an die Werkkunstschule Wiesbaden der 1950er-Jahre, zu Vincent Weber, einem Bauhaus-Schüler der ersten Stunde. Dort lernt Mante die Grammatik der visuellen Gestaltung: Punkt, Linie, Fläche – und vor allem Farbe. Doch er lässt diese Formsprache nicht auf der Leinwand. Er übersetzt sie in die Fotografie – draußen, auf der Straße, im Licht einer irischen Küste, an der Fassade einer südeuropäischen Stadt.

Der Wendepunkt
1964, eine dreimonatige Irlandreise, markiert den Wendepunkt. Aus dem Maler wird ein Fotograf – und die Redaktionen der großen Magazine werden auf ihn aufmerksam. Schon bald veröffentlicht Mante Farb-Reisereportagen im Stern und in Twen, den beiden prägenden Bildmedien der Bundesrepublik.
In einer Zeit, in der Farbfotografie technisch aufwendig, teuer und dem Kunstbetrieb noch suspekt ist, setzt Mante farbige Bildstrecken durch: Architektur, Stadtlandschaft, das Licht des Südens. Das ist kein Zufall. Das ist eine künstlerische Position.
Photography Unplugged
»Photography Unplugged« nennt er seine Haltung, und der Begriff ist Programm. Jahrzehntelang fotografiert Mante mit Minolta und einem 20 mm Weitwinkel – einer Brennweite, die den Blick öffnet statt einengt. Während andere zu Leica greifen oder auf das größere Mittelformat setzen, bleibt er dem Kleinbild treu – und dem Kodachrome Film, solange es ihn noch gab. Später steigt er ohne Zögern auf die digitale Fotografie um; es ging ihm nie um die perfekte Technik, sondern immer um das perfekte Bild.
Die Kamera wechselt, die Haltung bleibt. Mantes Bilder entstehen im Moment des Auslösens, nicht am Bildschirm danach – keine Nachbearbeitung, kein Compositing, keine Effekte, ob analog oder digital. Diese Radikalität wirkt in einer Zeit, in der jedes Smartphone-Foto durch drei Filter geht, beinahe provokant – und gerade deshalb so überzeugend.

Serielles Arbeiten
Mante denkt in Reihen, nicht in Einzelbildern. Über Jahre, manchmal Jahrzehnte, kehrt er zu seinen Themen zurück – Farbflächen, Fassaden, geometrische Fundstücke – und variiert sie, verdichtet sie, treibt sie weiter. Das serielle Arbeiten ist für ihn keine Methode unter vielen, sondern die einzig ehrliche Art, ein Motiv zu begreifen.
Die Konsequenz dieser Arbeitsweise über sechs Jahrzehnte hinweg hat ein Œuvre hervorgebracht, das weiter wächst – und das in seiner Geschlossenheit und formalen Strenge in der europäischen Farbfotografie seinesgleichen sucht.
»In seinen seriellen Arbeiten, Bildpaare von 2 bis 36 oder mehr Darstellungen, demonstriert er mittels der Kamera die Phänomene Raum, Zustand und Zeit als künstlerische Erlebnismöglichkeit.«

Die Farbenlehre
Was Mante an der Werkkunstschule Wiesbaden aufnimmt, trägt er ein Jahrzehnt später in Lehrbücher. 1969 erscheint »Bildaufbau«, 1970 folgt »Farb-Design« – beide im Otto Maier Verlag, beide werden Standardwerke der fotografischen Gestaltungslehre. Das Bauhaus-Vokabular – Punkt, Linie, Fläche; Farbkontrast, Farbharmonie – übersetzt Mante konsequent in die Sprache der Fotografie. Die Bücher erscheinen in fünf, später in sieben Sprachen; die englische Ausgabe »Color Design in Photography« kommt bei Focal Press heraus.
1978 erreicht Mante ein Brief aus Zürich. Anneliese Itten, Witwe des Bauhaus-Meisters Johannes Itten, hat »Farb-Design« geschenkt bekommen und blättere fast täglich darin, schreibt sie. Der Kreis schließt sich: von der Werkkunstschule Wiesbaden über Vincent Weber zurück ins Zentrum der Bauhaus-Farbenlehre, aus dem sie einmal kam.
»Ihr Buch ist wirklich eine ganz edle, schöne Frucht der Farbenlehre meines Mannes.«
ColorHarry
In der Szene nennen sie ihn »ColorHarry« – und der Name trifft es besser als jeder Titel. Entstanden ist er 1973, als ihn sechs britische Fotohochschulen zu einer Vortragsreise durch Großbritannien einluden. Dass seine Lehrbücher zu internationalen Standardwerken werden und in sieben Sprachen vorliegen, dass er daneben über 15.000 historische Fotografien gesammelt hat – all das gehört zum Bild dieses Mannes. Aber es ist das fotografische Werk selbst, das jetzt sichtbar wird. Die Serien, die Farben, die Kompositionen. Ein Lebenswerk, das bislang vor allem Eingeweihte kennen – und das den internationalen Vergleich nicht scheuen muss.
Gemeinsam mit Eva Witter entstehen groß angelegte Fotoprojekte wie »Bildräume«, in denen Innen- und Außenräume europäischer Schlösser durch Doppelbelichtungen zu diaphanen Metamorphosen verschmelzen. Projekte, die zeigen, dass Mante sich nicht wiederholt – sondern immer wieder neu ansetzt, neue Fragen stellt, neue Formen findet.

Das Mante-Museum
Wer Mante besucht, betritt ein Haus, das Freunde längst nur noch das »Mante-Museum« nennen. Dreiundvierzig Sammelthemen hat er gezählt – einundzwanzig davon drehen sich um die Fotografie. In seinem Archiv stehen originale Kodachrome-Diapositive zu Wänden aufgetürmt reihenweise in Journalen. Und weil sein Sammler-Gen ihn daran hindert, auch nur die Ausschussbilder zu entsorgen, finden 9.000 Dias, die es nicht ins Archiv schaffen, ihren Ehrenplatz in einem verschlossenen Acrylglaswürfel – ein Objekt, das mehr über diesen Mann erzählt als jede Werkbeschreibung.

Seit 1984 ist seine große Sammlung historischer Fotografien im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund zu Hause. In der Wohnung bleibt die Fotobuchsammlung – und die Einweg-, Kinder- und Spritzwasserkameras, die Figuren mit Kameras, der herrlich kitschige Souvenirbereich mit Fotofächern, Leporellos und verdruckten Postkarten. Es ist die Welt eines Menschen, der nicht aufhört, sich für das Medium zu begeistern, das sein Leben bestimmt.
Und er lehrt bis heute – an der ParkAkademie in Dortmund, wo Menschen zwischen zwanzig und achtzig von einem Neunzigjährigen lernen, was es heißt, die Augen aufzumachen.
Harald Mante trägt die Farbe in der deutschen Fotografie – seit sechs Jahrzehnten. Nicht als Trend, sondern als Überzeugung. Nicht als Dekoration, sondern als Gestaltungsprinzip. Zum 90. Geburtstag lässt sich sagen: Sein Lebenswerk wird gerade erst in vollem Umfang sichtbar. Und er ist noch lange nicht fertig.
Stimmen über Mante
»Harald Mante gilt als einer der großen deutschen zeitgenössischen Fotografen.«
»Seitdem mir Ihr Buch ›Farb-Design‹ geschenkt wurde, blättere ich fast täglich darin.«
»Er überzeugt und belehrt durch die hohe Qualität seiner künstlerisch und technisch einfallsreichen Leistungen.«
Der Fotograf hinter seiner Kamera
Selbstbildnisse aus fünf Jahrzehnten








